Das große Kritzeln

In der Welt der Erwachsenen spielt sie kaum noch eine Rolle, Kindern bereitet sie zunehmend Schwierigkeiten: die Handschrift. Eine Kulturtechnik ist bedroht – die Folgen sind unabsehbar.

Jeden Morgen in der Redaktionskonferenz zeigt es sich: Tablets und Smartphones ersetzen Stift und Papier. Der Touchscreen verdrängt das klassische Schreibwerkzeug – selbst wenn es nur um rasche Notizen geht. Briefe schreibt doch schon längst keiner mehr.


Das große Kritzeln


Im Sog der Digitalisierung scheint die Handschrift auf verlorenem Posten zu stehen. Aussterben wird sie trotzdem nicht so bald. Schon weil die Unterschrift als Ausdruck der Persönlichkeit, Beglaubigung und Legitimation von zentraler Bedeutung bleibt. Und es gibt immer noch Texte, die nicht nur nach inhaltlicher, sondern auch nach formaler Individualität verlangen: Geburtstagspost, Einträge in Gästebücher, Widmungen. Es hat sich sogar eine nostalgische Gegenbewegung formiert; Kalligrafie- und Letteringkurse haben großen Zulauf, das Schreiben von Hand wird zur Liebhaberei. Mehrere Initiativen haben sich der Rettung der Handschrift verschrieben, darunter die Stiftung Handschrift, mitbegründet vom Wiesbadener Christian Boehringer, Vorsitzender des Gesellschafterausschusses des Pharmakonzerns Boehringer Ingelheim. Die Stiftung nimmt für sich in Anspruch, mit Schreibkursen, Workshops und Wettbewerben in den vergangenen zehn Jahren mehr als 8000 junge Leute für das Schreiben mit der Hand begeistert zu haben.

Schreiben regt Gehirn an

Trotzdem schreiben Erwachsene immer weniger von Hand und die Handschrift bereitet Schülern zunehmend Probleme. Eine bundesweite Umfrage des Lehrerverbands und des Schreibmotorik-Instituts Heroldsberg unter mehr als 2000 Lehrkräften an weiterführenden Schulen kam 2015 zu einem niederschmetternden Ergebnis: Beim Schreiben mit der Hand haben 51 Prozent der Schüler und 31 Prozent der Schülerinnen große Schwierigkeiten.

Es wäre halb so schlimm, wenn das Schreiben bloß der Kommunikation dienen würde. Doch es steht viel mehr auf dem Spiel. Die schreibende Hand ist ein unverzichtbares Lern- und Denkwerkzeug, nicht nur für den Sprach- und Schrifterwerb ist es von elementarer Bedeutung: Schreiben regt das Gehirn viel stärker zu eigener Tätigkeit an als das Tippen auf einer Tastatur; Informationen werden gründlicher, nachhaltiger und koordinierter verarbeitet. Zahlreiche Studien belegen das. Jeder, der schon mal den Einkaufszettel zuhause vergessen und im Supermarkt dann trotzdem an (fast) alles gedacht hat, weiß: Schreiben erhöht die Merkfähigkeit.

Als wahrscheinlichen Hauptgrund der Schreibschwäche vieler Schüler machte die Untersuchung 2015 motorische Defizite aus. „Zu wenig Bewegung, fehlende Fingerfertigkeit, keine Eltern als Vorbilder und moderne Geräte wie Smartphones und Tablet-Computer“, lautete die Diagnose der Nürnberger Bildungsforscherin Stephanie Müller in einem Beitrag der „Welt“.

Gerade startete das Schreibmotorik-Institut mit der Grundschullehrer-Gewerkschaft VBE (Verband Bildung und Erziehung) eine neue Umfrage. Ergebnisse sollen im Frühjahr 2019 vorliegen. Besonderes Interesse gilt diesmal auch dem bislang kaum erforschten Einfluss digitaler Medien auf das Schreiben mit der Hand. „Wir wollen aber nichts verteufeln!“, beeilt sich VBE-Bundesvorsitzender Udo Beckmann zu sagen. Es gehe um einen sinnvollen „Methoden-Mix“ im Unterricht.

Sind neue Medien schuld?

Liegt es wirklich an der frühen Abhängigkeit von digitalen Medien und an fehlender Feinmotorik, dass viele Kinder nicht mehr richtig schreiben können? Eine ganz andere Erklärung liefert Maria-Anna Schulze Brüning, erfahrene Lehrerin aus Hamm. Sie kanalisierte als erste Auffassungen, die vor ihr schon andere Pädagogen vereinzelt vertreten hatten: Demnach ist eine fragwürdige Didaktik an den Grundschulen für die Misere verantwortlich.

Die Bereitschaft, sich dieser Erkenntnis zu stellen, ist offenbar gering in der Bildungspolitik. Die zuständigen Ministerien in Hessen und Rheinland-Pfalz versichern auf Anfrage zwar, dass die Handschrift als zentrales Kulturgut auch in Zukunft einen festen Platz im Schulunterricht habe. Die nähere Ausgestaltung wird in beiden Ländern den Schulen überlassen, darunter fällt auch die weitreichende Entscheidung, welche der drei zur Verfügung stehenden Schreibschriften gelehrt werden soll. Dabei sind die Schriften unterschiedlich geeignet und eine – ausgerechnet die meistverbreitete – womöglich ungeeignet. Der laut Schulze Brüning fragwürdige Grundsatz, dass Kinder heute erst die Druck-, dann eine Schreibschrift lernen sollen, steht hingegen wie in Stein gemeißelt da.

Auf das Thema Didaktik angesprochen, sagt Beckmann bloß: „In den Methodenstreit wollen wir uns nicht einmischen.“

FRANK SCHMIDT-WYK

(aus: Gießener Anzeiger, 16.11.2018; Wiedergabe mit freundlicher Genehmigung)

Back to Top

Magazin auswählen

Magazin 143 Magazin 143
Magazin 142 Magazin 142
Magazin 141 Magazin 141
Magazin 140 Magazin 140
Magazin 139 Magazin 139
Magazin 138 Magazin 138
Magazin 137 Magazin 137
Magazin 136 Magazin 136
Magazin 135 Magazin 135
Magazin 134 Magazin 134